SEBASTIAN WICKEROTH compound spaces – Ich tue das Beste, was ich kann, unter der Berücksichtigung dessen, was du tust (25.7.-4.10.2015)

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Fotos: Tamara Lorenz

The chances of throwing a six are 6 to 1. Even if no one can predict exactly when the highest number of dots can be thrown, the probabilities in the theoretically infinite repeat of the chance experiment can be calculated. However, between the one or the other, the certain and the impossible, the yes and the no, probability lies in a diffuse, grey zone. If one extends the mathematical terms of probability to the social or psychological aspect, there are therefore a number of “players”, whose decisions influence one another and the question of the un/predictability in the course of the games becomes more complex. Added to the coincidence and high number of possible combinations, there is also the fact that the information and strategies of the counterpart are not open to view. One player (the decision maker) does not know, what plans the other is following and what decisions he will make regarding them. Thus, for one single player it is unclear what effect the activity of the game will have. If the one-sided change of a strategy in a decisive situation does not lead to success and only taking into consideration what the other does, one talks of the so-called Nash-equilibrium; a central concept of mathematical game theory. The predictability of the consequences of an activity in a game or in collective situations, are therefore dependent on the decisions of the others. The belief in one’s own self-determination is in a certain way eroded, its claim on ideality relativized.

For Sebastian Wickeroth coincidence becomes a player. The experience in the handling of work materials in the form of plasterboard and the estimation during the work process increases the predictability of the interaction between action and reaction, but the actual breaking of the board is balanced at a narrow point between control and loss of control. Within a geometric system of order, the broken plasterboards join together in a field of debris or field of tension, between construction and destruction. The reference to the putative brutal act of destruction, which, on the one hand implies the loss of self-control, while, on the other the exercise of power and control over the counterpart, are in fact the result of an extremely well thought-out and delicate work process: randomness is arranged here, chaos composed and destruction staged. Whereas the black coloured surfaces, which in the vanishing point perspectives at one instant suggest movement and speed and in the next instant recall geometric forms; the strict and static constructivist concepts of the modern. Order, purism, minimalism, the absence of symbolism and pathos formulates as a black triangle on the surface, subverted, traversed and overlapped by its sculptural adversaries of plasterboard. Strict systems of order, which appear through sharp lines and geometric surfaces as well as through the polarity of the black-and-white, appear, here and there, to dissolve. Order and chaos, surfaces and space – join together.

Die Chance, eine Sechs zu würfeln, steht 1:6. Auch wenn niemand vorhersagen kann, wann genau die höchste Punktzahl erreicht wird, lassen sich Wahrscheinlichkeiten in der theoretischen unendlichen Wiederholung des Zufallexperiments berechnen. Dennoch: Zwischen dem Einen oder dem Anderen, dem Sicheren und dem Unmöglichen, dem Ja und dem Nein liegt die Wahrscheinlichkeit als diffuse Grauzone. Erweitert man den mathematischen Wahrscheinlichkeitsbegriff um soziale oder psychologische Aspekte, gibt es also mehrere „Mitspieler“, deren Entscheidungen sich gegenseitig beeinflussen, wird die Frage nach der Un-/Berechenbarkeit eines Spielverlaufs komplexer. Zum Zufall und der hohen Zahl an Kombinationsmöglichkeiten kommt hinzu, dass die Informationen und Strategien des Gegenübers meist nicht offen liegen. Der eine Spieler (Entscheidungsträger) weiß also nicht, welche Pläne der andere verfolgt und wie er sich dementsprechend entscheiden wird. Damit ist es für einen einzelnen Spieler unklar, wie sich seine Handlung auf das Spiel auswirken wird. Wenn das einseitige Ändern einer Strategie in einer Entscheidungssituation nicht zum Erfolg führt, sondern nur unter Berücksichtigung dessen, was der andere tut, spricht man von dem sogenannten Nash-Gleichgewicht, einem zentralen Begriff der mathematischen Spieltheorie. Die Vorhersehbarkeit der Folgen des eigenen Handelns, im Spiel oder auch in anderen Kollektivsituationen, ist demnach maßgeblich abhängig von der Entscheidung des Anderen. Der Glaube an die eigene Selbstbestimmung wird hier in gewisser Weise ausgehebelt, Ihr Idealitätsanspruch relativiert.

Für Sebastian Wickeroth wird der Zufall zum Mitspieler. Die Erfahrung im Umgang mit dem Arbeitsmaterial in Form von Gipskarton und dessen Einschätzung im Arbeitsprozess steigern zwar die Berechenbarkeit im Wechselspiel von Aktion und Reaktion, dennoch bedeutet das Brechen der Platten ein Balancieren auf dem schmalen Grad zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. Innerhalb eines geometrischen Ordnungssystems fügen sich die gebrochenen Gipskartonplatten zu einem Trümmer- bzw. Spannungsfeld zwischen Konstruktion und Destruktion wieder zusammen. Die Hinweise auf den vermeintlich brutalen Akt des Zerstörens, welcher auf der einen Seite den Verlust der Selbstkontrolle und andererseits das Ausüben von Kontrolle und Macht auf das Gegenüber impliziert, sind in Wirklichkeit das Ergebnis eines durchdachten und feinfühligen Arbeitsprozesses: Beiläufigkeit wird hier arrangiert, Chaos komponiert, Zerstörung inszeniert. Dagegen werden die schwarzen Farbflächen, welche in ihren Fluchtpunktperspektiven in einem Moment noch Bewegung und Geschwindigkeit suggerieren, im nächsten Augenblick zu geometrischen Formen, deren Strenge und Statik konstruktivistische Konzepte der Moderne ins Gedächtnis rufen. Ordnung, Purismus, Minimalismus, ja die Abwesenheit von Symbolik und Pathos formuliert sich als schwarzes Dreieck in der Fläche – untergraben, durchzogen und überlagert von seinen skulpturalen Widersachern aus Gipskarton. Strenge Ordnungssysteme, wie sie durch die scharfen Linien und geometrischen Flächen wie auch durch die Polarität des Schwarzweiß in Erscheinung treten, scheinen sich hier und da aufzulösen. Ordnung und Chaos, Fläche und Raum verbinden sich.

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