LISA BUSCHE Wohl Noch (17.1. – 13.4.2014)

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Motiv Einladungskarte

 

 

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Fotos: Lisa Busche

Lisa Busche draws lines with a spray can – a technique which has one think immediately of the spontaneous or profane such as anarchic graffiti in the urban landscape. But while in Street Art the pop-like colour and diversity of forms are predominantly glaring and loud, her work can be defined by minimalistic gestures and a much-reduced language of colour and form.

Alongside black spray paint, the artist largely uses gold, picking up on the brass coloured tone of the VITRINE frames, painting lines based on ancient ornament lines on the glass panes and walls. Within their appearance the original, simple forms of the ornament are abstracted once more or developed even further. Inaccuracies or even glitches are bound in the work, uncorrected; enabling autonomous structures to come into being, introducing the hand crafted work process and as a result separating itself from the sense of a pure, perfect designerly form. Control and coincidence make the lines layout shimmer between becoming and decomposition, between distinct drawing and the diffuse application of paint. According to the observer’s viewing position and the fall of light, the gold tone of the spray paint either shimmers or peters out into a dark, shadowy line.

A similar procedure is featured in the custom-tailored nettle-cloths placed on the walls, floor or glass panes of the vitrines. Through the structure of the fibres and folds of the cloth the gestural traces of black spray paint in combination with the surfaces create a structure between candour and severity. Together with the golden ornaments the textile objects interlace themselves to become at one moment an overall pictorial composition only in the next to claim independence as autonomous works.

In spite of its formal reduction the image created here is a complex one. It is an image which initially unfolds completely out of the movement – out of the entanglement at various spatial levels and perspectives, emanating from the run of colour, reflections and the simultaneity of the second and third dimension.

By including the vitrine panes as a presentation platform the works firm borders between artwork and observer are dissolved and the exhibition format per se undermines the sovereignty of the autonomy of art. The artwork becomes tangible and simultaneously vulnerable.

Lisa Busche plays with the idea of the sublime and holy and avails herself of the appropriate codes in order to break with them in the same breath. Thus, when she returns to focus her works in the vitrine interior, where her textile structures possibly recall sacred tapestries; her formal openness denies all symbolic charge. This is further the case when the golden tone and its symbolic power fades into the shadows and the liturgically loaded signs are contradicted by the profane gesture of spraying, and also when the sprayed lines of ornament on the panes appear to dissolve or a black crossbeam brutally traverses the entirety of the glass front.

The exhibition’s underlying ambivalence, in terms of form and content, is also mirrored in the choice of works in the title. While the artist collects indefinite and ambiguous terms in a word archive, which she earlier gave flow to in her works visually, in the meantime they serve her as an intuitive linguistic starting point and bearer of mood. Alongside the German filler words “wohl” and “noch” the works in the vitrines are preceded by the term “worship (verehren)”.

 

 

Lisa Busche zieht Linien mit der Sprühdose – eine Technik, die spontan an profane oder gar anarchische Graffitis im Stadtbild denken lässt. Doch wo in der Street Art die poppige Farb- und Formenvielfalt meist grell und laut daherkommt, sind es hier minimalistische Gesten und die reduzierte Farb- und Formensprache, die ihr Werk bestimmen.

Den messingfarbenen Ton der VITRINEN-Rahmen aufnehmend, verwendet die Künstlerin neben schwarzer Sprühfarbe vorwiegend goldene, mit der sie ausgehend von frühzeitlicher Ornamentik Linien auf die Glasscheiben und Wände bringt. Die ursprüngliche einfache Form des Ornaments wird innerhalb ihrer Erscheinung nochmals abstrahiert oder weitergedacht. Ungenauigkeiten oder gar Pannen werden unkorrigiert in das Werk mit eingebunden, so dass sich autonome Strukturen herausbilden, die den handwerklichen Arbeitsprozess in Erscheinung treten lassen und das Werk auch so von einer perfekten, rein gestalterischen Form abgrenzen. Kontrolle und Zufall lassen die Linienführung zwischen Werden und Auflösung, zwischen klarer Zeichnung und diffusem Farbauftrag changieren. Je nach Betrachterposition und Lichteinfall schimmert der Goldton der Sprühfarbe oder aber er versiegt stumpf im Schatten als dunkle Linie.

Ein ähnliches Verfahren kennzeichnet die zugeschnittenen Nesseltücher, die vereinzelt auf Wände, Boden oder Glasscheiben der Vitrinen positioniert sind. Gestische Spuren schwarzer Sprühfarbe, aber auch Flächen bilden mit den Fasern und Falzungen des Stoffs eine Struktur zwischen Offenheit und Strenge. Gemeinsam mit den goldenen Ornamenten verschränken sich die textilen Objekte in einem Moment zu einer bildhaften Gesamtkomposition, um sich im nächsten Augenblick wieder als autonomes Werk zu verselbstständigen.

Trotz der formalen Reduziertheit ist das Bild, das hier entsteht, ein komplexes. Es ist ein Bild, das sich erst aus der Bewegung heraus komplett entfaltet – aus der Verschränkung mehrerer Raumebenen und Perspektiven, aus Farbverläufen, Reflexionen und der Gleichzeitigkeit von zweiter und dritter Dimension.

Mit der Einbeziehung der Vitrinenscheiben als Präsentationsplattform der Werke werden die von Glaswänden festgelegten Grenzen zwischen Kunstwerk und Betrachter aufgelöst und die dem Ausstellungsformat per se eingeschriebene Hoheit der Kunst untergraben. Das Kunstwerk wird greifbar, aber auch verletzlich.

Lisa Busche spielt mit der Idee des Sublimen, Heiligen und bedient sich entsprechender Codes, um sie im gleichen Atemzug zu brechen. So auch, wenn sie im Innenraum der Vitrinen Werke in den Fokus rückt, die in ihrer textilen Beschaffenheit womöglich an sakrale Wandteppiche denken lassen, sich mit ihrer formalen Offenheit aber sämtlicher symbolischer Aufladung verweigern. Aber auch dann, wenn die goldene Farbigkeit mit ihrer Symbolkraft im Schatten verblasst oder den liturgisch besetzten Zeichen die profane Geste des Sprayens entgegensteht. Und auch, wenn die gesprühten Linien der Ornamente auf den Scheiben sich aufzulösen scheinen oder ein schwarzer Querbalken die komplette Glasfront brutal durchzieht.

Die der Ausstellung zugrunde liegende formale und inhaltliche Uneindeutigkeit spiegelt sich auch in der Wortwahl des Titels wider. Während die Künstlerin unbestimmte und mehrdeutige Begriffe, die sie in einem Wortarchiv sammelt, früher noch visuell in ihre Werke mit einfließen ließ, dienen sie ihr inzwischen als intuitiver sprachlicher Ausgangspunkt und Stimmungsträger. Neben den Füllwörtern „wohl“ und „noch“ ging der Arbeit in den Vitrinen der Begriff „verehren“ voraus.

Lisa Busche (*1973 in Hamburg) studierte von
 2000 bis 2006 an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und war Meisterschülerin bei Walter Dahn, sie lebt und arbeitet in Köln.

 

 

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