JULIA KRÖPELIN Prätitel (7.9.-15.12.2012)

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Fotos: Julia Kröpelin

For VITRINES Düsseldorf artist Julia Kröpelin has developed “PRÄTITEL” (Pre-title), a three-part installation which intrinsically combines sculptural antagonisms and aspects of perception psychology. In three separate glass vitrines simple found objects and complex sculptures have been assembled to form a metamorphic overall view, in which the borders between object and space, ready-made and classical sculpture, reality and fiction, past and present have been overcome.

Whereas set pieces of everyday furniture are firmly mounted forming a minimalistic tower, a floating bed headboard, in the small vitrine, isolated from the group, proclaims the disintegration of the construction. In the largest of the three vitrines, the blue painted and untreated wooden boards experience a complete detachment from their rigidity and form in which the laws of space and time appear to have been suspended: Here there is no longer any waiting.

Even persistently down-to-earth architectonic structures, the blue-brown materials, now a plastic group of swathes, swing – in their graphic appearance and lightness appearing, par excellence, like a sculptural translation of movement – through the room. And when the observer’s eye descends on the detached window leaning on the vitrine glass front, the ivory coloured paint of the frame sits amidst a continuing winding swathe here, as if a snake, hypnotised by its conjuror’s pipe playing is dancing upward. This also recurs, in the background of the installation a black red plastic foil slackly hanging over a beam seems like a rearing up swathe in that same colour, now however of a different materiality. One with a C-print surface of a carpet pattern graphically that of a Persian kilim, manifestly the underground, follows the swathes in their upward motion.

With the help of recurring colours and surfaces Kröpelin makes the connections that arise between the found objects and the sculptures obvious, while the materiality of the sculptures – one a cardboard shape filled with polyurethane foam and covered in acrylic paint – appear to be enraptured with reality.

Although Kröpelin’s sculptural work embodies rousing movement rather than aggressive speed the installations and sculptures nonetheless evoke the attempts of the Futurists to translate movement into painting and sculpture. One is reminded here, for instance, of Umberto Boccioni’s sculpture Forme uniche della continuità nello spazio (Unique Forms of Continuity in Space), in which the Italian painter and sculptor attempted to transgress all limits between sculpture and space to include the temporal dimension in his work.

Kröpelin takes such ideas and carries them further into the human processes of perception. This is the artist’s interest in the brief moment between observation and non-observation, an intermediate state, in which the everyday object is at one with the mental movement of its recipient and, frozen in the moment of its transformation, is manifested as sculptural movement by the swathe. While the found objects as such are yet firmly anchored and nameable in our everyday world a new physical presence emerges out of it, which bears in itself an amorphous reification of a presentation, of the trusted and familiar as well as the strange. Rigid material becomes mind, becomes body.

 

Für das Schaufenster in der Rubensstrasse42 entwickelt die Düsseldorfer Künstlerin Julia Kröpelin die dreiteilige Installation „PRÄTITEL“, die bildhauerische Antagonismen und wahrnehmungspsychologische Aspekte in sich vereint. In drei separaten Glasvitrinen setzen sich einfache Fundstücke und komplexe Skulpturen zu einem metamorphosischen Gesamtbild zusammen, in dem die Grenzen zwischen Objekt & Raum, Starrheit & Bewegung, Readymade & klassischer Bildhauerei, Realität & Fiktion, Vergangenheit & Gegenwart überwunden werden.

Während Versatzstücke des alltäglichen Einrichtungsmobiliars in der einen Vitrine stabil zu einem minimalistischen Turm montiert sind, preist sich die Auflösung der Konstruktion durch ein isoliert von der Gruppe schwebendes Bett-Kopfende in der kleinen Vitrine bereits an. Die völlige Herauslösung aus ihrer Starre und Form erfahren die blau lackierten und unbehandelten Holzbretter schließlich in der größten der drei Vitrinen, in der die Gesetzmäßigkeiten von Zeit und Raum aufgehoben zu sein scheinen: Hier gibt es kein Halten mehr.

Eben noch bodenständiges architektonisches Gebilde, schwingt die blau-braune Materie nunmehr als plastische Schleifengruppe – die mit ihrer grafischen Anmutung und Leichtigkeit als bildhauerische Übersetzung von Bewegung par excellance auftritt – durch den Raum. Und fiel der Blick des Betrachters eben noch auf ein an die Glasfront gelehntes Fenster, setzt sich der Elfenbeinfarbton des Rahmens in einer weiteren, sich hier windenden Schleife fort, gleich einer Schlange, die vom Flötenspiel ihres Beschwörers hypnotisiert in die Höhe tanzt. So kehrt auch die im Hintergrund der Installation schlaff über einem Balken hängende schwarz-rote Kunststofffolie vorne als eine sich aufbäumende Schleife in jener selben Farbigkeit, nunmehr jedoch in anderer Stofflichkeit, wieder. Einer, sich in seiner Oberfläche aus C-Prints mit Teppichmuster als grafische Imitation eines persischen Kelims offenbarender Untergrund, folgt den Schleifen in ihrer Aufwärtsbewegung.

Mithilfe von wiederkehrenden Farben und Oberflächen stellt Kröpelin offensichtliche Verbindungen zwischen den Fundstücken und der aus ihnen hervorgehenden Plastiken her, während die Materialität der Skulpturen – eine mit Polyurethan-Schaum aufgefüllte und mit Acryl beschichtete Kartonageform – der Realität entrückt zu sein scheint.

Wenn auch das bildhauerische Werk Kröpelins vielmehr schwungvolle Bewegung als aggressive Schnelligkeit verkörpert, so lassen die Installationen und Skulpturen dennoch an den Versuch der Futuristen denken, Bewegung in Malerei und Bildhauerei zu übersetzen. Hier erinnere man sich beispielsweise an Umberto Boccionis Skulptur Forme uniche della continuità nello spazio (Einzigartige Formen der Kontinuität im Raum), mit welcher der italienische Maler und Bildhauer die Idee verfolgte, jegliche Grenzen zwischen Skulptur und Raum aufzuheben und die zeitliche Dimension in seine Werke mit einzubeziehen.

Kröpelin denkt eine solche Idee weiter und überträgt sie auf den menschlichen Wahrnehmungsprozess. So gilt das Interesse der Künstlerin dem kurzen Moment zwischen Betrachtung und Nichtbetrachtung, einem Zwischenzustand, in dem der Alltagsgegenstand eins wird mit der geistigen Bewegung seines Rezipienten und sich, eingefroren in den Moment seiner Verwandlung, als plastische Bewegungsschleife manifestiert. Während die Fundstücke als solche in unserer Alltagswelt noch fest verankert und benennbar sind, geht aus ihnen eine neue physische Präsenz hervor, die als amorphe Verdinglichung einer Vorstellung das Vertraute wie auch Befremdliches in sich trägt. Starre Materie wird Geist, wird Körper.

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Sonne, 2012
Laserprint und Graphit auf Karton
ca. 30 x 22 cm
Auflage 8 + 1 AP

Der Einbezug einer zeitlichen Dimension ebenso wie das Wechselspiel von Realität und Fiktion innerhalb der Wahrnehmung kehren im grafischen Werk der Künstlerin wieder. Auch hier bildet ein Fundstück die Grundlage eines vielschichtigen künstlerischen Werkes, das geprägt ist von den Spuren seines gestischen Entwicklungsprozesses. So fotografierte Julia Kröpelin das Graffiti auf einer Hauswand in Bukarest und zeichnete es mit Graphit ab. An einigen Stellen rieb sie das Papier mit der Hand so auf, dass die abstehenden Papieroberflächen kleine Schatten auf das Blatt warfen und so als Element in die Zeichnungsstruktur eingingen. Im Anschluss fotografierte Kröpelin ihre eigene Zeichnung und druckte die Fotografie auf Karton, um auch hier an einigen Stellen die Papierhaut wieder zu lösen. Als Hybrid, das grafische und bildhauerische Strategien ebenso wie verschiedene Realitätsebenen in sich vereint, erscheint das Werk anlässlich der Ausstellung in der Rubensstrasse42 nun als Edition.

www.julia-kroepelin.com

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